Nachdem wir die holprige Fahrt nach Rubengera hinter uns gebracht, uns eingerichtet, eine Großputzaktion gestartet, sowie unseren ersten englischen Gottesdienst mit viel Musik, Tanz und Freude erlebt hatten, war am Montag unser erster Arbeitstag.
Meine Mitbewohnerin Elli arbeitet an der RTSS, einer Berufsschule für Schreinerarbeiten, und ich an der Indatwa Primary School, auf deren Pausenhof ich direkt stehe, wenn ich unsere Wohnungstür verlasse. Die Indatwa Primary School ist eine Grundschule mit angeschlossener Vorschule, der Nursery. Die Kinder kommen hier mit zwei bis drei Jahren in die Nursery, sind dort zwei Jahre und anschließend sechs Jahre auf der Primary School (Grundschule). In Ruanda herrscht seit 2003 eine gesetzliche Schulpflicht für die ersten 6 Schuljahre für Kinder. Die Klassen und somit auch die Schulen sind sehr groß. Ruanda hat eine vergleichsweise junge Bevölkerung: Von den rund 14 Millionen Einwohnern sind etwa 37,4% nach Stand 2024 jünger als 15 Jahre.
An meinem ersten Tag war auch der erste Schultag der Schüler und ich wurde um 8 Uhr zur Unterstützung in der Nursery eingetragen. In meiner Klasse waren rund 30 Kinder, ebenso in der Parallelklasse. Dieser Tag war für mich sehr anstrengend. Die Kinder waren dauerhaft am Schreien und Weinen, da sie ihre Eltern vermissten, und es war kaum möglich, irgendetwas Produktives mit den Kindern zu machen, da sehr viel Bürokratie anstand und der erste Schultag von viel Unruhe und organisatorischem Aufwand geprägt war. Die Nursery ist bereits wie ein Klassenzimmer gestaltet, mit kleinen Stühlen und Tischen, Tafelwänden sowie Buchstaben und anderen informativen Plakaten an den Wänden und nicht wie ein klassisches Spielzimmer.
Nachdem die Kinder gegen 12 Uhr abgeholt wurden, durfte ich völlig erschöpft und mit Kopfschmerzen nach Hause gehen und mich ausruhen. Meine Lehrkollegin Schwester Donata sowie auch viele weitere Schwestern fragten mich beim Abendessen, wie der erste Tag mit den Kleinen war, und ermutigten mich, dass es in zwei Wochen besser werden würde.
Das durfte ich auf jeden Fall spüren. Von Tag zu Tag wurden es weniger weinende Kinder und mehr lachende Kinder. Die Kinder wurden offener und neugieriger. Ich verstehe zwar meist nicht, was sie mir erzählen, da die Kinder fast nur Kinyarwanda sprechen, aber irgendwie können wir miteinander kommunizieren.
Neben Kinyarwanda lernen die Kinder in der Schule Englisch und Französisch. Ruanda stand während der Kolonialzeit zunächst unter deutscher und später unter belgischer Herrschaft, weshalb Französisch lange eine wichtige Rolle spielte. Generell habe ich festgestellt, dass Kinyarwanda eine deutlich größere Rolle spielt, als ich gedacht hatte, und Englisch im Alltag weniger präsent ist, als ich erwartet hatte.
Ich arbeite jetzt seit einem Monat an der Schule und habe mit einigen der Kids schon viele herzerwärmende Begegnungen gemacht.
Ein typischer Tag verläuft bei mir folgendermaßen:
Ich stehe um 6 Uhr auf, frühstücke, starte um 7 Uhr in der Nursery und werde bereits auf dem Weg ins Klassenzimmer mit Umarmungen und freundlichen Begrüßungen empfangen. Im ersten Block kontrollieren wir meist die Hausaufgaben (z. B. eine gerade Linie malen oder Punkte verbinden) oder Schwester Donata bringt ihnen eine Farbe, Zahl oder ein Wort auf Englisch bei.
Um 9:20 Uhr ist Frühstückspause. Da versammeln sich alle Nursery-Schüler im Essenssaal. Es gibt Porridge und Quarkbällchen für die Kinder und dazu wird laut Musik über ein DJ-Pult abgespielt. Die Kinder sind am Singen und Tanzen, während sie essen, und haben eine riesige Freude dabei. Generell beruht der Unterricht hier sehr auf Musik und Sprechgesängen beziehungsweise gemeinsamen Wiederholungen.
Danach ist Freispielzeit. Dort habe ich immer ganz viel Zeit, mit den Kindern in Kontakt zu kommen und mit ihnen zu spielen, zu singen oder zu tanzen. Gegen 10:45 Uhr gehen die Schüler wieder in die Klassen und es erfolgt noch einmal eine Unterrichtseinheit. Dann werden Hausaufgaben verteilt und um 12 Uhr werden die Kinder abgeholt.
Ich gehe dann zum Mittagessen mit den anderen Lehrern und bin nachmittags beispielsweise beim Englischunterricht der 3. Klasse dabei und korrigiere die Hausaufgaben, während die Lehrkraft unterrichtet. Um 17 Uhr verlasse ich zusammen mit den Schülern die Schule. Um 19:20 Uhr gibt es Abendessen bei den Schwestern und dann gehe ich auch bald schon wieder schlafen.
Freitags habe ich meinen freien Tag. Ausschlafen kann ich leider nicht, da die lauten Geräusche der Schüler oder der Umgebung nicht zu überhören sind, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Den Freitag nutze ich, um meine Wäsche draußen im Garten per Hand zu waschen, einkaufen zu gehen oder sonstige Dinge zu tun, für die ich unter der Woche keine Zeit finde.
Rückblickend auf meinen ersten Monat war es ein ständiges Auf und Ab. Ich hatte richtig schöne Begegnungen mit den Lehrern, Schülern und vor allem mit den Schwestern, die uns auch eine Willkommensparty geschmissen haben und uns jeden Tag zum Lachen bringen.
Ich habe die Gegend erkundet, die gerade leider nicht so grün ist, da der erhoffte Regen bisher ausbleibt. Die ausbleibenden Niederschläge stellen für viele Menschen, insbesondere für diejenigen, die in der Landwirtschaft arbeiten, eine Herausforderung dar. Rund 40 % der Beschäftigten in Ruanda sind in der Landwirtschaft tätig. Preise für Obst und Gemüse sind deshalb teilweise doppelt so hoch wie in der Erntezeit wurde mir von den Schwestern gesagt.
Ich möchte hier noch einmal kurz erwähnen, dass ich hier persönliche Momente, Eindrücke und Erfahrungen teile, die nur meiner subjektiven Wahrnehmung entsprechen. Ich spreche über meine individuellen Erfahrungen und nicht stellvertretend für die Menschen in Ruanda.
Trotz der Vorbereitungsseminare der VEM über Themen wie Rassismus, Machtstrukturen und Kolonialgeschichte war das Ankommen hier nicht immer einfach. Oft treffen mich starrende oder neugierige Blicke, wenn ich durch die Straßen gehe, was nicht immer einfach auszuhalten ist.
Ich durfte allerdings mit der Zeit lernen, dass sich viele Begegnungen verändern, wenn ich selbst den ersten Schritt mache. Wenn ich Menschen auf Kinyarwanda grüße, begegnen sie mir häufig mit Freude und Aufgeschlossenheit.
Ich habe außerdem den Markt besucht, bin mit dem Mototaxi mehrmals aufgrund von Schwierigkeiten mit dem Visum nach Kibuye, der nächstgrößeren Stadt, gefahren und habe neues Essen probiert. Am besten schmeckt mir Umugali, ein klebriger Teig aus Maniokmehl mit Erdnusssoße. Das ist nach einem langen Tag perfekt. 🙂
Der Blog reicht gar nicht aus, um von allen meinen Erfahrungen zu berichten, deshalb beende ich diesen Eintrag jetzt und sage bis zum nächsten Mal. 🙂
Eure Antonia
0 Comments